Geschichte der “Selbstbestimmt Leben Bewegung”
(Independent Living Movement, IL-Movement)

Wie alles begann

Die Anf├Ąnge der internationalen Bewegung f├╝r die Selbstbestimmung behinderter Menschen lassen sich in den USA bereits auf die 50er Jahre zur├╝ckdatieren, wo es in ersten Projekten Menschen mit einer Ateml├Ąhmung gelang, ein Leben au├čerhalb station├Ąrer Einrichtungen zu f├╝hren. M├Âglich wurde dies durch die Bereitstellung von unterst├╝tzenden ambulanten Diensten, die durch Spenden finanziert wurden.

Die Geburtsstunde

Ed RobertsAls eigentliche Geburtsstunde der Independent Living Bewegung wird das Jahr 1962 angegeben, in dem mehrere behinderte Studenten ihre Rechte durchsetzen konnten und sich eine Zulassung zum Studium erk├Ąmpften. Unter ihnen war auch Ed Roberts, der oft als Vater der IL-Bewegung bezeichnet wird.

“Rolling Quads”

1968 gr├╝ndeten zw├Âlf Studenten die “Rolling Quads” (die rollenden Tetraplegiker) die erste Organisation behinderter Menschen und starteten eine Vielzahl von Aktivit├Ąten, wie z.B. Eintreten f├╝r den Abbau architektonischer Barrieren und Organisation von Hilfen zur Alltagsbew├Ąltigung.
Das erste offizielle “Center for Independent Living”(CIL) entstand 1972 in Berkeley, wo bereits f├╝r 12 Studenten und 40 weitere Betroffene Hilfe- und Unterst├╝tzungsleistungen organisiert wurden. Weitere CILs folgten (z.B. in New York und Boston).

Anf├Ąnglich nur in den USA vertreten, verbreitete sich diese Selbsthilfe- und Selbstbestimmungsbewegung behinderter Menschen in den 60er und 70er Jahren bis hin zur Gegenwart auf der ganzen Welt. Sie entstand gleichzeitig zur Frauenbewegung, Bewegung der Afroamerikaner und vielen anderen diskriminierten Gesellschaftsgruppen und war die konstruktive Reaktion behinderter Menschen auf b├╝rokratische Engstirnigkeit und mangelnde Flexibilit├Ąt.
Mit der Bereitstellung von gemeindenahen Hilfen durch die CILs, organisiert von selbst Betroffenen, wandte sich die IL-Bewegung auch aktiv gegen die Institutionalisierung behinderter Menschen:

IL liegt nicht in der Verantwortung der Wohlfahrt, sondern ist ein B├╝rgerInnenrecht!

Einen der wichtigsten Grunds├Ątze der CILs stellt das Beratungsangebot durch Betroffene f├╝r Betroffene dar, da behinderte Menschen selbst die besten SpezialistInnen f├╝r ihre eigenen Belange sind.
Die mittlerweile vielf├Ąltigen Hilfsangebote der CILs au├čerhalb von Institutionen wurden von der amerikanischen Regierung schon bald als kosteng├╝nstige Alternative erkannt und 1979 erstmals von staatlicher Seite finanziell unterst├╝tzt.

Rehabilitationsgesetzes ┬ž 504

Die wohl wichtigste Errungenschaft der IL-Bewegung war 1973 die Durchsetzung des Rehabilitationsgesetzes ┬ž 504, wonach jede Diskriminierung und Einschr├Ąnkung der B├╝rgerInnenrechte bei staatlich finanzierten Projekten untersagt war. Darin waren bereits einklagbare Rechte enthalten. Im Jahr 1990 wurde ein weiteres Gesetz (ADA -Americans with Disabilities Act) verabschiedet, das die Diskriminierung auch bei privaten Projekten verbot und – bei Zuwiderhandlung – mit strafrechtlicher Verfolgung drohte.

IL-Bewegung in Deutschland

Auch in Deutschland entstanden in den 60er Jahren verst├Ąrkt Verb├Ąnde f├╝r behinderte Menschen (z.B. die Lebenshilfe und der Spastikerverein), die aber meist von Eltern oder anderen Nichtbehinderten organisiert wurden. 1968 gr├╝ndeten kritische behinderte und nichtbehinderte Menschen eigene Organisationen, die mit dem Ziel der Integration, vorwiegend der gemeinsamen Freizeitgestaltung dienten.

Aktiver Protest auch Deutschland

1973 entstand eine Gruppe um Gusti Steiner und Ernst Klee, die sich zur Aufgabe machte, durch Protestaktionen aktiv der t├Ąglichen “Behindertenfeindlichkeit” zu begegnen.
In ersten Zusammenschl├╝ssen verschiedener Gruppierungen fand Ende der 70er Jahre ein nationaler Austausch statt.
Bei einem internationalen Kongress 1982 kam die bundesdeutsche Behindertenbewegung erstmals mit der IL-Bewegung in direkten Kontakt.

Die ersten Zentren

Mitte der 80er Jahre entstanden die ersten “Zentren f├╝r selbstbestimmtes Leben” (ZSLs) nach amerikanischem Vorbild in K├Âln, Bremen und Hamburg; gegenw├Ąrtig existieren ca. 45 Zentren in Deutschland. In den 90er Jahren entstanden People-First-Gruppen, Zusammenschl├╝sse sogenannter geistig behinderter Menschen, die sich und ihre Interessen ebenfalls selbst vertreten wollen.

Aus der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung gingen in den letzten Jahren in der ganzen Bundesrepublik zahlreiche Organisationen hervor, die sich f├╝r die Rechte behinderter Menschen engagieren: Europ├Ąisches Netzwerk (ENIL), Netzwerk Artikel 3, Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen (ForseA e.V.), Bildungs- und Forschungsinstitut zum selbstbestimmten Leben Behinderter (bifos e.V.), Verbund behinderter ArbeitgeberInnen (VbA), Forum behinderter Juristinnen und Juristen, Hessisches Koordinationsb├╝ro f├╝r behinderte Frauen, Weibernetz etc. pp.

Die gegenseitige Unterst├╝tzung und Zusammenarbeit behinderter Menschen f├Ârdert die Entwicklung eines neuen Selbstbewu├čtseins :
“Weg von ├╝berbesch├╝tzenden, entm├╝ndigenden und aussondernden Einrichtungen f├╝r Behinderte, die uns passiv und abh├Ąngig halten, hin zu Organisationen von Behinderten, die die Selbstbestimmung Behinderter und eine aktive Gestaltung des eigenen Lebens und der gesellschaftlichen Prozesse f├Ârdern.” (Ottmar Miles-Paul)

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  Weiterführende Links

 Ed Roberts (Englisch)Geschichte